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Was ist ein Entwicklungsland?

Im Nyerere-Bericht von 1991 wurde Entwicklung wie folgt beschrieben: "Entwicklung ist ein Prozess, der es den Menschen ermöglicht, ihre Fähigkeiten zu entfalten, Selbstvertrauen zu gewinnen und ein erfülltes und menschenwürdiges Leben zu führen. Entwicklung ist ein Prozess, der die Menschen von der Angst vor Armut und Ausbeutung befreit. Sie ist der Ausweg aus politischer, wirtschaftlicher oder sozialer Unterdrückung. Erst durch Entwicklung erlangt die politische Unabhängigkeit ihre eigentliche Bedeutung. Entwicklung ist daher gleichbedeutend mit wachsender individueller und kollektiver Eigenständigkeit." Laut dem Schroedel Schulbuch "Entwicklungsländer" für den Sekunderdarbereich II weisen Entwicklungsländer folgende Merkmale auf:

-Lage meist in den Subtropen und Tropen.

- Starkes Bevölkerungswachstum mit anhaltendem Hunger und Unterernährung weiter Bevölkerungskreise, weit verbreitete Armut und armutsbedingte Umweltzerstörung, rasche Verstädterung.

- Mangelnde Grundversorgung mit Wasser und Nahrung, Kleidung, Wohnmöglichkeiten und Energie.

-Umzureichende Infrastruktur in den Bereichen Gesundheit's-, (Aus-)Bildungs- und Sozialwesen, Verkehr und Kommunikation; Ineffizientes Verwaltungswesen.

- Weitgehendes Fehlen gesetzlich geregelter sozialer Auffangnetze (z.B. Arbeitslosenunterstützung, Krankenhilfe, Sozialhilfe) sowie arbeitsrechtlicher Bestimmungen und kinderunabhängiger Altersvorsorge.

-Vielfach wirtschaftlich, sozial, rechtlich und politisch benachteiligte Stellung der Frauen.

-Hohe Agrarquote (= Beschäftigung des größten Teils der Erwerbspersonen in der Landwirtschaft).

-Niedrige Investitionen mit entsprechend wenigen Arbeitsplätzen in Industrie und Gewerbe; Nicht ausreichende einheimische Produktion von Produktionsmitteln, Massenkonsum- und Luxusgütern.

- Wegen niedrigem Lohnniveau und fehlender Massenkaufkraft gering entwickelte Binnenmärkte.

- Geringe Produktivität aller Wirtschaftsbereiche mit geringer Diversifizierung der Produktions- und Exportstruktur und daher geringe Belastbarkeit der Wirtschaft gegenüber Entwicklungen auf dem Weltmarkt.

- Hoher Exportanteil von Rohstoffen auf niedriger Verarbeitungsstufe und dementsprechend geringe eigenständige Kapitalbildung sowie niedriger Industrialisierungsgrad.

- Weite Verbreitung des illegalen bis halblegalen, aber geduldeten und statistisch und steuerlich nicht erfassten sogenannten "informellen Sektors" (= Schatten-, Parallelwirtschaft).

- Hohe Verschuldung bzw. sogar Überschuldung (= Unfähigkeit, erhaltene Kredite zurückzuzahlen).

- Unzulängliche Integration von Gesellschaft und Volkswirtschaft ("desintegrierte Gesellschaften") mit großen internen Disparitäten (=Unterschieden) in regionaler, sozialer und ökonomischer Hinsicht (zwischen Stadt und Land, Arm und Reich, Gebildeten und Analphabeten, modernen produktiven und traditionellen ineffektiven Produktionsweisen).

- Mangelnde Partizipation, d.h. mangelnde Beteiligung der Bevölkerung an politischen, wirtschaftlichen und sozialkulturellen Entscheidungen.

- Häufiges Fehlen einer nachhaltig auf soziale Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Achtung der Menschenrechte gerichteten "good governance".
Resümee

Ist Indien ein Entwicklungsland? Wenn Ja, warum:

Starkes Bevölkerungswachstum mit anhaltendem Hunger und Unterernäherung weiter Bevölkerungskreise, weit verbreitete Armut und armutsbedingte Umweltzerstörung, rasche Verstädterung. Indien weist bei einer Ausgangsbevölkerung von ca. 1033 Millionen Menschen und einem Bevölkerungswachstum von 1,51% ein jährliches Wachstum von ca 15,5 Millionen Menschen pro Jahr auf und ist somit als sehr stark wachsend anzusehen. Viele Inder leiden an Unterernährung und chronischem Hunger. Außerdem liegen ca. 34,7% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Die Umweltzerstörung und rasche Verstädterung sind ebenso in Indien zutreffend. Somit ist dieser Punkt deutlich erfüllt.

Mangelnde Grundversorgung mit Wasser und Nahrung, Kleidung, Wohnmöglichkeiten und Energie. Einige Bewohner Indiens haben kein Anschluss an sauberes Trinkwasser und die Energieversorgung. Die indische Landwirtschaft schafft es kaum die wachsende Bevölkerung zureichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Auf dem Land sind die meisten Wohnungen bzw. Häuser unter dem uns bekannten Mindeststandard und in der Stadt kommt es vermehrt zur Bildung von Slum-Gebieten. Die meisten Inder sind lediglich mit den traditionellen und einfachen Kleidungen versorgt. Somit ist auch dieser Punkt erfüllt.

Umzureichende Infrastruktur in den Bereichen Gesundheits-, (Aus-)Bildungs- und Sozialwesen, Verkehr und Kommunikation; Ineffizientes Verwaltungswesen. Das indische Gesundheitswesen, das Ausbildungswesen sowie das Sozialwesen sind größtenteils stark zurückgebildet und veraltet. Die meisten Inder besitzen keine Kommunikationsmittel, da sie sich diese nicht leisten können. Da jeder Bundesstaat in Indien sein eigenes Verwaltungswesen besitzt, kommt es zu gravierenden Unterschieden. Außerdem sind diese aufgrund ihrer zum Teil veralteten Arbeitsmethoden recht ineffizient. Einzig die Verkehrsinfrastruktur ist recht gut ausgebaut in Indien. Somit ist auch dieser Punkt größtenteils erfüllt.

Weitgehendes Fehlen gesetzlich geregelter sozialer Auffangnetze (z.B. Arbeitslosenunterstützung, Krankenhilfe, Sozialhilfe) sowie arbeitsrechtlicher Bestimmungen und kinderunabhängiger Altersvorsorge. In Indien sind keine sozialen Auffangnetze vorhanden, wodurch es oft zur Verarmung von Arbeitsunfähigen kommt. Die arbeitsrechtlichen Bestimmungen sind nur wenigen Gebieten ausreichend ausgearbeitet und oft sehr traditionell gehalten. Der Punkt der kinderunabhängigen Altersvorsorge ist schon dadurch zu widerlegen, dass mindestens 12% aller Kinder arbeiten, damit sich ihre Familien selbst vor der altersbedingten Arbeitsunfähigkeit ausreichend versorgen können. Somit ist dieser Punkt in allen Belangen erfüllt.

Vielfach wirtschaftlich, sozial, rechtlich und politisch benachteiligte Stellung der Frauen. Die Stellung der Frau ist in Indien größtenteils durch den Wohnort bestimmt. Auf dem Land sind die Frauen stark benachteiligt und haben nur wenige Rechte. In der Stadt hingegen haben Frauen viel mehr rechte und sind zum Teil gegenüber den Männern gleichgestellt. Somit ist dieser Punkt nur teilweise erfüllt.

Niedrige Investitionen mit entsprechend wenigen Arbeitsplätzen in Industrie und Gewerbe; Nicht ausreichende einheimische Produktion von Produktionsmitteln, Massenkonsum- und Luxusgütern. Nur ungefähr 1/3 aller Inder sind in der Industrie oder dem Gewerbe tätig. Ein großer Teil der Produktionsmittel, Massenkonsum- und Luxusgüter wird importiert, da die eigene Produktion den Bedarf nicht deckt. Somit ist dieser Punkt erfüllt.

Wegen niedrigem Lohnniveau und fehlender Massenkaufkraft gering entwickelte Binnenmärkte. Die meisten Inder geben den größten Teil ihres geringen Gehaltes für Nahrungsmittel und die Grundversorgung (z.B. mit Wasser und Strom) aus und können sich deshalb nur wenige Massenkonsum- und Luxusgüter leisten. Von daher ist der Binnenmarkt in Indien nur im Bereich der Nahrungsmittel recht gut ausgebaut. Somit ist dieser Punkt größtenteils erfüllt.

Geringe Produktivität aller Wirtschaftsbereiche mit geringer Diversifizierung der Produktions- und Exportstruktur und daher geringe Belastbarkeit der Wirtschaft gegenüber Entwicklungen auf dem Weltmarkt. Vor allem in der Landwirtschaft hat Indien aufgrund der veralteten Arbeitsmittel mit einer sehr geringen Produktivität zu kämpfen. Trotz einer positiven Entwicklung der Produktions- und Exportstruktur, vor allem in den Bereichen der modernen Technologien, ist diese insgesamt noch recht rückläufig und gerade durch die Entwicklungen auf dem Weltmarkt gefährdet. Somit ist dieser Punkt zur Zeit noch erfüllt.

Hoher Exportanteil von Rohstoffen auf niedriger Verarbeitungsstufe und dementsprechend geringe eigenständige Kapitalbildung sowie niedriger Industrialisierungsgrad. Die Industrialisierung hat in den vergangenen 50 Jahren einen großen Fortschritt verzeichnet. Jedoch werden noch immer viele Rohstoffe auf einer geringen Verarbeitungsstufe exportiert. Wenn sich die Industrialisierung jedoch fortsetzt, dann ist damit zu rechnen, dass dieser Punkt in Zukunft gar nicht mehr erfüllt ist.

Weite Verbreitung des illegalen bis halblegalen, aber geduldeten und statistisch und steuerlich nicht erfassten sogenannten "informellen Sektors" (= Schatten-, Parallelwirtschaft). Aus unseren Quellen sind nicht viele Informationen zu diesen Wirtschafszweigen zu entnehmen, da dieser wie gesagt größtenteils nicht erfasst ist. Jedoch wird ein großer Teil nicht erfasster illegal arbeitender Kinder erwähnt. Ebenso ist davon auszugehen, dass einige Inder, die auf dem Land arbeiten, nicht gemeldet sind. Somit ist jedoch nicht klar zu beurteilen, ob dieser Punkt zutrifft oder nicht.

Hohe Verschuldung bzw. sogar Überschuldung (= Unfähigkeit, erhaltene Kredite zurückzuzahlen). Der indische Staat ist sehr hoch verschuldet und kann die Auslandschulden, welche 97,071 Mrd. US$ betragen, nur schwer zurückzahlen. Somit ist dieser Punkt erfüllt.

Unzulängliche Integration von Gesellschaft und Volkswirtschaft ("desintegrierte Gesellschaften") mit großen internen Disparitäten (=Unterschieden) in regionaler, sozialer und ökonomischer Hinsicht (zwischen Stadt und Land, Arm und Reich, Gebildeten und Analphabeten, modernen produktiven und traditionellen ineffektiven Produktionsweisen). Wie schon in fast allen vorherigen Texten erwähnt, herrschen in Indien sehr starke Gegensätze vor. So gibt es eine extreme Kluft zwischen Arm und Reich, Gebildeten und Analphabeten sowie produktiven und traditionellen ineffektiven Produktionsweisen (je nach Größe des Unternehmens). Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist besonders zu erwähnen, da es sich hier in Indien um zwei komplett gegensätzliche Welten handelt. Dieser Punkt kann man als klar erfüllt ansehen.

Mangelnde Partizipation, d.h. mangelnde Beteiligung der Bevölkerung an politischen, wirtschaftlichen und sozialkulturellen Entscheidungen. Da Indien eine demokratische Grundausrichtung besitzt, ist die Bevölkerung am politischen Geschehen beteiligt und miteinbezogen. Außerdem herrscht in Indien Religions- und Meinungsfreiheit, was den verschiedensten Kulturen die Möglichkeit lässt, sich frei zu entfalten. Aufgrund dessen ist dieser Punkt widerlegt.

Häufiges Fehlen einer nachhaltig auf soziale Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Achtung der Menschenrechte gerichteten "good governance". Vor dem Gesetz in Indien ist jeder gleichgestellt und hat dieselben Rechte wie ein anderer. Auch zwischen Männern und Frauen herrscht laut Verfassung ein Gleichgewicht. Außerdem besitzt der Staat, wie im Punkt 15 schon erwähnt, eine demokratische Grundausrichtung. Demnach trifft auch dieser Punkt für Indien nicht zu.

Nach dem momentanen Stand der Dinge ist zu sagen, dass fast alle dieser Punkte zutreffen und Indien zu den Entwicklungsländern hinzuzuzählen ist. Das größte Problem ist, dass nur ein geringer Teil der riesigen indischen Bevölkerung bei den positiven Entwicklungen in der Industrie, sowie im Gewerbe (vor allem in den Bereichen der modernen Technologien) mitziehen kann. Der große Teil der Erwerbstätigen, der im primären Sektor beschäftigt ist, hat es sehr schwer, sich überhaupt weiter zu entwickeln, da hierzu die nötigen Mittel fehlen. Ohne einen großen Eingriff des Staates ist damit zu rechen, dass sich auf Dauer nur die Großbetriebe weiterentwickeln können. Trotzdem darf man nicht unterschlagen, dass sich die Umstände seit der Unabhängigkeit deutlich verbessert haben. Sollte man allerdings das Problem des raschen Bevölkerungswachstums nicht in den Griff bekommen, so wird es der indischen Wirtschaft nicht gelingen, sich so weit zu diversifizieren und umzustrukturieren, dass sie mit der Entwicklung auf dem Weltmarkt mitziehen kann. Außerdem sollte man versuchen, das kulturell bedingte Kastensystem so weit wie möglich einzuschränken, da dies ein immens störender Faktor bei der Entwicklung ist.

Lösungsansätze

Wie schon im "Resümee" erwähnt müssen in Indien einige Veränderungen stattfinden, damit sich das Land von dem Status eines Entwicklungslandes lösen kann. Hierzu folgen einige Gedankengänge und Vorschläge:

- Auflösung des Kastensystems
- Förderung der allgemeinen Bildung (vor allem in den ländlichen Regionen)
- Konsequentere Verfolgung der Kinderarbeit
- Lösen von einigen entwicklungshemmenden Traditionen
- Gleichstellung der Frau auch auf dem Land
- Schaffung eines sozialen Auffangnetzes
- Eindämmung der raschen Verstädterung
- Zentralisierung des Verwaltungswesens
- Bessere Nutzung der empfangenen Entwicklungshilfen
- Ausbau der Strom- und Wasserversorgung
- Ausbau des Gesundheitswesens
- Weitgehende Umweltschutzmaßnahmen
- Weiterer Ausbau der Infrastruktur
- Gerechte Verteilung der landwirtschaftlichen Nutzflächen
- Abbau der Auslandsverschuldung
- Beginn einer weitreichenden Industrialisierung
- Diversifizierung der für den Export bestimmten Wirtschaftszweige
- Modernisierung der Landwirtschaft, um die Versorgung der eigenen Bevölkerung zu sichern
- Allgemeine Steigerung der Produktivität in allen Wirtschaftssektoren
- Anwerben von ausländischen Investoren
- Stärkere Förderung der IT-Branchen
- Förderung der Produktion von Massenkonsum- und Luxusgütern

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